Album der Woche Tom Odell: Songs zwischen Wohnzimmer-Konzert und Therapie
Zart und verletzlich – so präsentiert Tom Odell sich auf seinem neuen Album "A Wonderful Life". Doch Odell ist auch für beinah vulkanische Ausbrüche zu haben.
So klingt Tom Odells "A Wonderful Life"
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Wenn man die Atmosphäre des am 5. September veröffentlichten 7. Studioalbums von Tom Odell zusammenfassen müsste, dann mit dem widersprüchlichen Wortpaar "offensive Melancholie". Das mag erst einmal verwirrend klingen, jedoch erschließt sich der Zugang zu Odells Gefühlswelt, wenn man sich Hintergründe und Herangehensweise an "A Wonderful Life" vor Augen oder besser, vor Ohren führt.
Wir haben dieses Album auf eine Weise aufgenommen, die ziemlich oldschool ist.
Tom Odell
Der am 24. November 1990 als Thomas Peter Odell im südenglischen Chichester geborene Singer-Songwriter fühlt sich angesichts der Umbrüche und Verwerfungen in der aktuellen Weltlage genauso verunsichert, hilflos und frustriert wie mit Sicherheit viele andere Menschen, welche die Nachrichten verfolgen. Seine Eindrücke und Emotionen hat Odell im Januar 2024 begonnen in Texte zu fassen, kaum, dass sein Album "Black Friday" erschienen war. Um die Unmittelbarkeit seiner Songtexte, an denen er zehn Monate gearbeitet hatte, auch über seine Musik transportieren zu können, beschloss Tom Odell sein Album quasi live aufzunehmen. Als ziemlich oldschool bezeichnet er diese Vorgehensweise. Dazu ging er mit seiner Band ins Studio 1 der Londoner RAK-Studios. Dieser Aufnahmeraum ist zuvor durch Recording-Sessions unter anderem von Ultravox, Radiohead und The Pogues geadelt worden.
Ich habe die Tracks zusammen mit meiner Band ausgearbeitet und dann mit ihr zusammen aufgenommen. Das war eine bewusste Eingrenzung, die ich mir für diese Platte selbst auferlegt hatte.
Tom Odell
Die Live-Atmosphäre von "A Wonderful Life" ist kompromisslos, wenn nicht sogar gnadenlos. Denn Tom Odell und seine Band lassen ihr aktuelles Album nicht nur mit dem taktgebenden Vorzählen beginnen, sondern belassen etwa ein sich eingroovendes Schlagzeug und sogar einen Huster in der Aufnahme. Der sich offen seinen Depressionen und Obsessionen stellende Songwriter Odell hat die Unmittelbarkeit seiner Musik kompromisslos an oberste Stelle gesetzt. In den zehn neuen Songs, die Odell gemeinsam mit seiner Band ausgearbeitet hat, springt der Funke nicht nur zwischen den Musikern über, sondern auch hinaus auf den "Plattenteller". Die sich selbst auferlegte Eingrenzung verwandelt sich gewissermaßen in Entgrenzung.
Für jeden Song habe ich versucht sein eigenes kleines Universum, seine eigene Welt zu erschaffen.
Tom Odell
Die eigenen Welten, die der blonde Songwriter mit dem forschenden Blick für jeden seiner Songs entwirft, formen in Summe ein Universum, das thematisch und musikalisch zwischen tiefer Innerlichkeit wie in "Strange House", der zarten Zugewandtheit von "Don’t Cry, Put Your Head On My Shoulder" und sich aufbäumender Verzweiflung in "Can We Just Go Home Now" vibriert. Tom Odell inszeniert sich gerade im zuletzt genannten Track so intensiv als von Ängsten, Leidenschaften und der Gier nach dem beruhigenden Shot geschüttelter Künstler, dass es schon unter die Haut geht. Odells therapeutischer Selbstfindungstrip endet gelassen und runtergekühlt mit "The End Of Suffering" und den tröstlichen Worten: "At the end of suffering there’s a door, there is nothing and everything and more".
Ich bin überzeugt, dass ich immer meinem Herzen und meinem Bauchgefühl gefolgt bin.
Tom Odell
Der bereits 2013 bei den Brit Awards mit dem "Critics‘ Choice Award" und ein Jahr später bei den Ivor Novello Awards als "Songwriter of the Year" ausgezeichnete Musiker sieht sich als Songschreiber, der immer seinem Herzen und seinem Bauchgefühl gefolgt ist. Genau das kann die überbordende Emotionalität seines neuen Albums erklären. Tom Odell macht eben aus seinem Musikerherzen keine Mördergrube. Sein Songwriting-Ansatz schwankt zwischen Pragmatismus und Idealismus. Man müsse jeden Song so nehmen, wie er komme, und ihn so gut schreiben, wie man könne, hält er fest. Da offenbart Odell eine Portion typisch britischen Understatements, denn eines kann man seiner Musik nun so gar nicht vorwerfen: Dass sie Mainstream von der Stange sei. Ganz im Gegenteil offenbart etwa sein "Why Do I Always Want The Things That I Can‘t Have" melodische Qualitäten, die an John Lennons "Woman" oder an "Father And Son" von Cat Stevens erinnern. Nur mit dem Unterschied, dass Odell eine klangliche Würze wie von sprödem, rissigem Porzellan in seinen Sound mischt.
Meiner Meinung nach aber entsteht die beste Musik, wenn man etwas so präsentiert, wie es ist.
Tom Odell
Schon als Schüler hat Tom Odell mit dem Songwriting begonnen. Als seine Band ihres Leadsängers verlustig ging, begann Odell die von ihm geschriebenen Songs selbst zu singen. So, wie es ihm selbst vorschwebte, nicht nach den Erwartungen anderer. Der Absolvent des Brighton Institute of Modern Music wurde 2012 von Lily Allen ins Popbusiness bugsiert und hat sich seitdem eine wachsende Fangemeinde mit allein mehr als 30 Millionen Spotify-Hörern pro Monat aufgebaut. Seine ersten sechs Alben waren in Großbritannien alle in den Top Ten und "A Wonderful Life" konnte in Deutschland gleich auf Platz neun in die Albumcharts einsteigen. Odells Erfolgsrezept basiert nicht auf der Präsentation geschönter Gefühle und künstlicher Emotionen, sondern auf schonungsloser Ehrlichkeit sich selbst und seinem Publikum gegenüber. Und so scheut er sich nicht im Track "Ugly" zu singen: "You don’t love me, ‘cause I’m ugly". Musik sei am besten, wenn man etwa so präsentiere, wie es ist, sein lapidarer Kommentar dazu.
Ich habe mich niemals in der Rolle eines Popstars gesehen und hatte immer das Gefühl, auf falsche Weise wahrgenommen zu werden.
Tom Odell
Starallüren scheinen Odell, der sein musikalisches Ohr früh schon an Elton John geschult hat, fremd zu sein. Er sieht sich gerade nicht als Popstar, sondern als Künstler, der seinen Finger in die Wunden dieser Welt legt, aber auch wie im Titelsong seines aktuellen Albums nach der Schönheit im Alltäglichen Ausschau hält. Tom Odell sucht in seiner Musik Nähe und vermittelt diese mit einer unvergleichlichen Intimität. Dabei wechselt sein Gesang zwischen Fisteln und Schreien, seine Stimme kann Schmerz ebenso wie Hoffnung transportieren. Manchmal kann man sich des Gefühls nicht erwehren, Odell wolle seine Songs gegen Ende wieder zerstören, sie zumindest vom Abgleiten in totale Schönheit abhalten. Seine Gefühle verpackt dieser Lyriker an den Tasten in eine Mischung aus Watte und Stacheldraht. Traditionelle Singer-Songwriter-Vibes löst er in modernem Gefühlswirrwarr auf. Man fragt sich, ob er vielleicht die Porträtbüsten von John Lennon, Paul McCartney und Nick Cave auf seinem Klavier stehen hat. "A Wonderful Life" in seiner ungefilterten Direktheit mutet einem beim Hörern schon etwas zu, aber man nimmt in jedem Fall auch etwas mit.
Ich hoffe, dass die Leute sich dieses Album als das, was es ist, anhören können.
Tom Odell
Die Vorstellung eines wunderbaren Lebens erhält durch Tom Odells aktuelle Songs eine Vielzahl von Schattierungen. Da schält sich ein scheinbar introvertierter Musiker aus seinem Kokon und offenbart eine emotional offensive Seite. Odell ist es wichtig, dass sein Album so wahrgenommen und gehört wird, wie er es sich vorgenommen und vorgestellt hat. Was "A Wonderful Life" in der Tat ausmacht, ist eine zutiefst individuelle Gefühlswelt. Die von Tom Odell jedenfalls ist eine berührende, bisweilen vielleicht auch leicht verstörende. Aber dazu ist Musik doch da: Uns zu bewegen, mitzunehmen, zum Nachdenken anzuregen – und Hoffnung zu geben. All das ist Tom Odell seinen Widersprüchlichkeiten zum Trotz oder vielleicht gerade deswegen gelungen.
Tom Odell "A Wonderful Life"
UROK, distributed by Virgin Music Group
EAN: 0198704489037
VÖ: 05.09.2025
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Das Gewinnspiel endet am 5. Oktober 2025.
Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 29. September 2025, 14:40 Uhr