Album der Woche Bei Mamas Gun trifft lässige Brillanz auf musikalische Leidenschaft
Stand: 4. Mai 2026.
Mit einem Bein in den 70ern, doch mit Herz und Verstand auf die Gegenwart fokussiert. Das ist das Rezept, mit dem Mamas Gun die Herzen höherschlagen lassen.
So klingt "DIG!" von Mamas Gun
Mit der Aufforderung, an der Oberfläche zu kratzen, um an den Kern einer Sache zu gelangen, eröffnen Mamas Gun ihr am 10. April erschienenes 6. Studioalbum "DIG!". Und das Graben lohnt sich! Denn, was Sänger Andy Platts und seine Band an musikalischer Raffinesse auffahren, wirkt auf hohem Niveau zeitlos und gleichzeitig aktuell. Was Mamas Gun auszeichnet und was ihn selbst musikalisch antreibt, hat Platts Bremen Eins im Gespräch verraten.
Ein Albumtitel als Bandname
Der in Hong Kong geborene Brite Andy Platts hatte das erste Line-up seiner Londoner Band Mamas Gun 2009 beisammen. Den Kontakt zu gleichgesinnten Musikern hatte Platts über das soziale Netzwerk Myspace gesucht. Damals ein gängiger Weg, erinnert der Sänger sich. 2015 kam es zu einem Wechsel in der Besetzung von Schlagzeug und Bass. Heute sorgen Drummer Chris Boot, Bassist Cameron Dawson, Gitarrist Terry Lewis und Tastenmann Dave Oliver gemeinsam mit Andy Platts für den ausgefeilten Sound der Band. Zu ihrem seltsamen Bandnamen "Mamas Gun" haben die Musiker sich durch das im Jahr 2000 erschienene gleichnamige Album der US-amerikanischen Soulsängerin Erykah Badu inspirieren lassen. Mamas Gun sei als Bandname doch viel besser geeignet, denn als Albumtitel, ist Platts überzeugt.
Lebenserfahrung und Selbstvertrauen
Ihren Sound richteten die fünf Musiker von Mamas Gun an klassischem Soul sowie R&B aus. Kleine Studios und Eigenproduktionen sollten ihre musikalische Unabhängigkeit stärken. Heute, nach fast 20 Jahren Bandgeschichte und einem Sack voller Lebenserfahrung und Selbstvertrauen, möchten Andy Platts und seine Band bewusst ein Stück Kontrolle abgeben, also Aufnahme und Abmischen von anderen übernehmen lassen. Also gingen Mamas Gun nach Leeds ins "All Things Analog Recording Studio" von Neil Innes, um dort direkt auf Analogband aufzunehmen. Inspiration erwächst aus Lebenserfahrung, ist Platts überzeugt. Daneben wolle man sich doch immer weiterentwickeln, wenn man etwas Neues mache, und eben nicht denselben Song, dasselbe Album ein weiteres Mal aufnehmen. Fünf Jungs, die das Rotlicht anwerfen und einfach loslegen, fasst der Sänger mit der hell timbrierten Stimme die Herangehensweise an "DIG!" zusammen.
Wenn die Bandmaschine anläuft und das Rotlicht angeht, dann ist das genau der Moment. Und man geht voll darin auf.
Andy Platts
Damit kommt man zum Kern dessen, was die Musik von Mamas Gun auszeichnet: der Wille, voll ins Risiko zu gehen und sich komplett auf den Moment einzulassen. Fünf Musiker in ihren späten 40er- und frühen 50er-Jahren, die auf dem Zusammentreffen von Erfahrung und Selbstvertrauen durch die technisch und emotional funkelnden Wellen ihres Soundozeans segeln. Aus der festen Absicht heraus, immer bessere Musik machen zu wollen, werfen Andy Platts und seine Mitstreiter alle Gedanken an die Zeit des Übens und Sich-verbessern-Wollens über Bord und steigen mit voller Emotion und Leistung in ihre Songs ein. Keine Zeit zum Nachdenken, keine Fokussierung auf irgendwelche Einzelheiten – es gehe darum, sein Spitzenspiel abzuliefern, zieht Platts den Vergleich zum Sport.
Echte Inhalte für Menschen, die ihr Leben gelebt haben oder leben
Mit dem Einsatz der Tastensounds von Moog-Synthesizer, Wurlitzer E-Piano, Mellotron und Hammondorgel gehen Mamas Gun ihrem Faible für die Sounds der 70er nach. Was das Qualitätsniveau ihrer Arrangements betrifft, orientieren sich die fünf Könner an den hohen Standards der Songwriter aus der Glanzzeit des Soul. Allerdings verstehen Andy Platts und seine Kollegen sich ganz klar als Band im Jahr 2026, die zeitgemäße Musik mit Themen, die Erwachsene beschäftigen, anbietet. Man sei ja schließlich keine junge Musikgruppe, die sich über gebrochene Herzen auslasse, sondern biete echte Inhalte für Menschen, die mitten im Leben stehen.
Soul als der Ort, an dem sich alle treffen
Soul ist in den Worten von Andy Platts zwar der Ort in der Mitte, an dem sich alle Bandmitglieder treffen. Allerdings stehen diese für eine weitaus größere musikalische Vielfalt, indem sie Elemente von Pop, Jazz, R&B, Gospel und Funk miteinbeziehen. Beim Titeltrack "DIG!" darf dann als Stargast Brian Jackson, der Songwriting-Partner des Jazz-Poeten Gil Scott Heron, Flötist und Fahrensmann aus dem Umfeld von Earth, Wind & Fire eigene Akzente setzen. "Hardest Yards" versprüht streckenweise Elton-John-Vibes und in "Had Me At Goodbye" weht eine Brise West Coast, wie wir sie vom Musikprojekt Young Gun Silver Fox kennen, das Andy Platts zusammen mit Shawn Lee betreibt. Der ausgelassene Albumausklang "Joy" klingt entfernt nach Stevie Wonder, im Backgroundgesang mischt Frankie, Tochter von Andy Platts, mit.
Was die Menschen letztendlich verbindet, ist Liebe
Für Andy Platts als Songwriter stehen mittlerweile die Texte an erster Stelle. Früher war das anders, da kam immer zuerst die Musik. Im Zusammenspiel mit seinen Bandkollegen, aber auch mit seinem langjährigen britischen Songwriting-Partner Conner Reeves, entwirft Platts Songstories, die sich vordergründig um Liebe drehen. Liebe ist der Kitt, der den Rahmen für tiefergehende Themen um Menschlichkeit, Verlust, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und Trost setzt.
Sich gegenseitig Raum zu geben ist entscheidend
Mamas Gun sei sein ganz persönliches Baby und gleichzeitig Sprungbrett für andere Musikprojekte wie Young Gun Silver Fox, betont Andy Platts. Die musikalische Glücksformel, die er für das neue Album von Mamas Gun entdeckt hat, heißt schlicht und einfach Raum. Raum, den die Bandmitglieder sich gewähren, um auf den Punkt der Sache zu kommen, um ihre Musik in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen. Ein Raum, gefüllt mit Selbstvertrauen ebenso wie mit Vertrauen auf die musikalische Kompetenz der gesamten Band. Alle an Mamas Gun Beteiligten haben ihre Ohren geschärft für das, was hinter den Worten und Melodien ihrer Songs erklingt und nachhallt. Nicht nur für sie, sondern ebenso für uns gibt es auf "DIG!" vieles zu entdecken und zu genießen. Was dabei letztlich zählt, ist die pure Freude an gut gemachter Musik. Also, ab auf die Ohren!
Wer die Band nicht nur auf Platte erleben möchte, hat am 26.09.2026 in der Music Hall Worpswede die Gelegenheit dazu.
Mamas Gun "DIG!"
Légère Recordings
EAN: 4026424013774
VÖ: 10.04.2026
Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 11. Mai 2026, 14:40 Uhr