Album der Woche Phil Siemers steht für coolen Groove und facettenreiche Texte
Er ist der sanfte Chef im Ring. Phil Siemers entscheidet selbst, was auf seinem Album mit dem schillernden Titel "Was wenn doch" zu hören ist.
Gewinnen Sie das Album "Was wenn doch" von Phil Siemers
Phil Siemers mit einer Unplugged-Version von "Schon heute"
So klingt das Album "Was wenn doch" von Phil Siemers
Mit einer Crowdfunding-Kampagne hat der gebürtige Hamburger sein am 23. Mai erschienenes drittes Studioalbum finanziert. Bei seinem im Februar 2020 veröffentlichten Debütalbum "Wer wenn nicht jetzt" hatte er noch ein großes Label im Rücken, was für ihn auch okay war, wie Phil Siemers im Gespräch mit Bremen Eins erzählt. Doch jetzt hält er die Fäden in der Hand, steckt seinen Musik-Claim selbstbestimmt ab, muss dafür aber auch die signierten Alben selbst eintüten und verschicken.
Ich habe die Bühne relativ früh kennengelernt, so mit vierzehn, fünfzehn, und habe dann irgendwie immer weitergemacht. Und wenn man nicht aufpasst, macht man das irgendwann beruflich.
Phil Siemers
Als er dreizehn war, bekam Phil Siemers Gitarrenunterricht. Ein Glücksfall, denn sein Gitarrenlehrer ahnte, dass da auch stimmliches Potenzial schlummerte. So erhielt Siemers dann auch Gesangsstunden, trat bald darauf bei kleinen Gigs im Vorprogramm seines Gitarrenlehrers auf. Die Bühne packte den begabten Teenager früh und auch jetzt setzt Phil Siemers ganz bewusst auf die Live-Karte. Wenn man nicht aufpasse, mache man Musik irgendwann beruflich, bringt der sympathische Songwriter es schmunzelnd auf den Punkt. Den Traum, Fußballprofi zu werden, hatte er schon mal beiseitegelegt, aber dennoch hat es Phil Siemers nicht ohne Umwege zur Musik als Lebensinhalt geführt. Denn er hat in seiner Heimatstadt studiert und einen Abschluss in Stadtplanung gemacht. Eigentlich hatte er sich gleich nach seinem Abitur ausschließlich auf die Musik verlegen wollen. Aber anders als geplant hatte das Universum auf ihn und seine Songs leider doch nicht gewartet. Also fuhr Siemers zunächst zweigleisig, aber bewusst in Hamburg, weil er seine Kontakte in die dortige Musikszene nicht verdorren lassen wollte. Jetzt allerdings ist er im Musikuniversum angekommen und hat Sounds und Songs nun schon seit mehr als sechs Jahren zu Beruf und Lebensinhalt gemacht.
Das neue Album ist quasi zu fünfundachtzig, neunzig Prozent live im Studio eingespielt, bis auf ein paar Overdubs, die wir noch nachträglich aufgenommen haben.
Phil Siemers
Phil Siemers genießt seine künstlerische Freiheit in vollen Zügen. Das erfolgreiche Crowdfunding spiegelt die enge Verbindung zu seinem Publikum wider und untermauert sein künstlerisches Standing. Dieses offenbart sich nicht nur in den zehn Songs seines neuen Albums, sondern generell in der Qualität seiner Melodien und Texte ebenso wie in der klaren, leuchtenden Produktion. Für Letztere zeichnet der aus dem Hamburger Musikleben nicht mehr wegzudenkende Begründer des Musikprojektes "Soulonge" Sven Bünger verantwortlich, der alle drei Alben von Phil Siemers produziert hat. Die Songs sind in diversen Studiosessions von zwei bis drei Tagen im Hamburger MELT Recording Studio entstanden. Dieser mit Instrumenten gut bestückte Aufnahmeraum ist mittlerweile zum Lieblingsort von Phil Siemers geworden. Weitestgehend live eingespielt wurde dort das Album "Was wenn doch". Produzent Sven Bünger hat dabei mittendrin mit geschlossenen Augen im Schneidersitz auf dem Boden gesessen, um zu spüren, ob die Musik irgendetwas in ihm auslöst. Es geht dabei nicht um den perfekt getroffenen Ton, den fehlerfreien Gitarrenlauf, sondern um das große Ganze. Das hat funktioniert, denn Songs wie das zwischenmenschlich knisternde "So da wie du" oder das zwischen Sehnsucht und Erschrecken vibrierende "Mila & Juri" sind atmosphärisch starke und fesselnde Miniaturen geworden.
Es kann eigentlich überall was lauern, was mich dann dazu bringt, dazu vielleicht irgendwann einen Song zu schreiben.
Phil Siemers
Songideen lauern für Phil Siemers überall. Es können kleine Impulse sein, die er sofort notiert, entweder ganz klassisch im Notizbuch oder als Memo in seinem Handy. Er plant aber auch bewusst aktive Phasen der Themenfindung ein. Er halte dann Augen und Ohren offen und versuche alles festzuhalten, was ihm entgegenfliege. Dabei würde ihm aber immer auch etwas durch die Lappen gehen, weil es unmöglich sei, sich permanent zu fokussieren, gibt der sensible Songwriter zu. Die Spannbreite seiner Themenquellen erstreckt sich dabei von Unterhaltungen mit Freunden, über Illustrationen und Bilder bis hin zu Erlebnissen, die er schon lange mit sich herumträgt. "Hundert Meter" ist solch eine Geschichte, nämlich die eines Überfalls in einem Hamburger Park, über die Phil Siemers bisher noch nie gesprochen hat. Dem ohnmächtigen Zorn, den er damals als Teenager gegenüber jener gewaltaffinen Jugendgang empfunden hatte, gibt er nun viele Jahre später ein musikalisches Ventil und klingt plötzlich viel rauer und kantiger als in den anderen Songs auf "Was wenn doch". Aber Phil Siemers wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch für diesen Song ein versöhnliches Ende gefunden hätte.
So passieren eigentlich so nach und nach die richtigen Sachen hoffentlich und dann entstehen die Songs so, wie sie auf die Platte kommen.
Phil Siemers
Hinter den Songs des am 23. September 1992 geborenen Musikers stehen also Geschichten, die auf guter Beobachtung und persönlichem Erleben fußen. Der Titelsong etwa ist eng mit Hendrik Heuermann, einem der Co-Autoren von Phil Siemers, verbunden. Heuermann leidet an einer unheilbaren Krankheit, und an einem der Tage, an dem die beiden sich zum Songwriting verabredet hatten, riss Hendrik die Tür auf und rief, dass dies ein guter Tag sei, denn vielleicht sei er ja der erste Mensch, der diese Krankheit besiegen werde. Damit waren Thema und Ton für die Songwriting-Session gesetzt. Am Abend stand dann die Akustikversion von "Was wenn doch" und Siemers hatte das Gefühl, die richtige zuversichtliche Klammer für sein anstehendes Album gefunden zu haben.
Ich finde, die Platte ist relativ soulig geworden. Das war zwischenzeitlich gar nicht unbedingt so anvisiert, das hat sich einfach aufgrund der Songs diesmal so ergeben.
Phil Siemers
Sein melodiöser Pop sei in der Tat über weite Strecken im Soul verankert, gibt Phil Siemers zu, wobei er das Genre Soul auch mit einer Interpretationsspielraum lassenden Unschärfe versieht. Er nennt Namen wie Gregory Porter und Norah Jones, aber auch Jamie Cullum und John Mayer. Deren Songs hat er nachgespielt und dadurch viel gelernt. Aus dem Deutschpop-Bereich erwähnt der Songwriter mit dem warmherzigen Blick Gregor Meyle, Pohlmann und Johannes Oerding. Siemers spricht dahin gehend von einer Mixtur. Zu seinen "absoluten Heroes" zählt er dann noch Bill Withers, dessen unprätentiöse Art er ungemein schätzt. Diese Vielzahl an Impulsgebern sollte und darf aber nicht den Blick dafür verstellen, dass Phil Siemers seinen eigenen Stil gefunden hat. Er besitzt ein sicheres Gespür dafür, seine Songs nicht zu überfrachten. Was den Hamburger auszeichnet, sind seine angenehme, unangestrengte Stimme und der Fluss seiner Musik. Da wirkt trotz einiger energiegeladener Ausbrüche nichts forciert oder übertrieben. Wobei die größte Stärke von Phil Siemers darin liegt, in seinen Songs eine große Nähe aufzubauen. "Alles was ich brauch" oder das vor unterschwelliger Leidenschaft glühende Duett "Bring mich nach Hause" mit der Berliner Sängerin Louka belegen dies. Die Soul-Anmutung seines neuen Albums habe sich während der Arbeit daran einfach so ergeben, erläutert Siemers. Aber auch Singer-Songwriter-Elemente wie in "Schon heute" seien ganz klar dabei.
Ich glaube, dass das Konzept 'Album' auf jeden Fall noch lange nicht tot ist und vielleicht sogar auch nochmal wichtiger wird, als wir jetzt gerade denken.
Phil Siemers
Die klassischen Vertriebswege haben aus Sicht von Phil Siemers erheblich an Bedeutung verloren. Wenn man als junge Künstlerin oder junger Musiker schon viele Follower über Social Media habe sammeln können, habe man sein Publikum doch schon beisammen, ist er überzeugt. Sein Debütalbum war damals kurz vor dem ersten Lockdown erschienen, ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, den aber natürlich niemand voraussehen konnte. Während der Pandemie konnte Siemers sich neu sortieren und fühlt sich auf dem Weg, den er bereits mit seinem Vorgängeralbum "Marleen" eingeschlagen hat, gut aufgehoben. Man müsse auf seiner Spur immer auch ein bisschen träumen können, bekräftigt Phil Siemers. Die zunehmende Nachfrage nach Vinyl-Pressungen bestätigt ihn in seiner Entscheidung, auf die traditionelle Form des Musikalbums zu setzen. Seine aktuelle Platte ist dabei jeden Halt auf dem Weg wert. Denn sie besitzt Tiefe neben schwebender Leichtigkeit, Sanftmut neben zupackender Energie, Soulfeeling neben Singer-Songwriter-Anmutung. "Was wenn doch" – ein Titel mit Zukunftspotenzial. Gern mehr davon!
Interview mit Phil Siemers zum Album "Was wenn doch"
Phil Siemers "Was wenn doch"
CHEFRECORDS RATEKAU
EAN: 4069977031451
VÖ: 23.05.2025
Gewinnen Sie das Album "Was wenn doch" von Phil Siemers
Das Gewinnspiel endet am 22. Juni 2025.
Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 16. Juni 2024, 14:40 Uhr